Festpredigt zum Agatha-Fest 2020 (Manuskript)

Auf vielfache Nachfrage publizieren wir an dieser Stelle die Festpredigt von Generaloberin Sr. Magdalena Krol zu den diesjährigen Feierlichkeiten an St. Agatha:

 

Liebe Schwestern und Brüder,

ich möchte beginnen mit einem Zitat aus dem 12. Kapitel des Hebräerbriefes:

Darum wollen auch wir, die wir eine solche Wolke von Zeugen um uns haben, alle Last und die Sünde abwerfen, die uns so leicht umstrickt. Lasst uns mit Ausdauer in dem Wettkampf laufen, der vor uns liegt, und dabei auf Jesus blicken, den Urheber und Vollender des Glaubens. (Heb 12,1-2a)

Auflistung der Glaubenszeugen von Abraham bis Jesus Christus

Das heutige Fest der hl. Agatha nimmt uns mitten hinein in diese Zeugen unseres Glaubens. Unsere „Wolke von Zeugen“ ist die große Zahl der Frauen, Männer und Kinder, die ohne Unterbrechung Jahr für Jahr das Agatha-Fest gefeiert haben.

Heute feiern wir es nicht nur wie seit 355 Jahren an einem Sonntag, sondern gleichzeitig am Gedenktag der sel. Mutter Maria Theresia Bonzel. Alle 5 oder 6 Jahre fallen diese beiden Feiern zusammen. Es bietet sich dadurch an, an beide Frauen gemeinsam zu denken. Ihre Geburtsjahre liegen weit auseinander.

Die hl. Agatha wurde vor etwa 1795 Jahren geboren, Mutter Maria Theresia Bonzel vor fast 150 Jahren. Die eine in Catania, die andere hier in Olpe. Was haben diese beiden Frauen gemeinsam? Sie sind Töchter wohlhabender Eltern. Sie weigerten sich, sich einfach verheiraten zu lassen und wollten als gottgeweihte Jungfrauen leben.

Für Agatha waren die Konsequenzen grausam und unbegreiflich. Aber sie hat sich nicht von ihrem Entschluss abbringen lassen und unglaublicher Weise zunächst die schrecklichen Foltern überlebt. Mutter Maria Theresia hat die Weigerung ihrer Mutter zum Eintritt in eine Ordensgemeinschaft ausgehalten und sich ebenfalls nicht beeinflussen lassen. Vielleicht war sie einfach nur geduldig und hat gewartet, dass Gott irgendwie Einfluss nehmen würde. Das geschah dann durch den Pfarrer, der die Mutter umstimmen konnte.

Als Generaloberin stehe ich ja in der unmittelbaren rechtlichen Nachfolge von Mutter Maria Theresia und zusammen mit unseren hier anwesenden Schwestern in der langen Folge der ersten Olper Franziskanerinnen.

Das Olper Agatha-Fest hat einen guten Bezug zu Mutter Maria Theresia. Geboren und aufgewachsen in Olpe, ihr Elternhaus steht direkt neben der Kirche, hat sie mit ziemlicher Sicherheit fast alle Agatha-Feste während ihres Lebens mitgefeiert. Wir könnten uns gut vorstellen, dass sie, ihre Schwestern und ihre Verwandten hier irgendwo in den Bänken gesessen haben. Nicht wirklich. Denn damals gab es noch die alte St. Martinus-Kirche. Ich finde diese Fantasie trotzdem gut, denn sie zeigt uns die Verbindung mit unseren Vorfahren, die wie wir an dieser alten Tradition festhielten.

Wie das Beispiel ihres Onkels Arnold Mutter Maria Theresia auf ihrem eigenen Lebensweg inspiriert und unterstützt hat, so wird auch die Tradition des Agatha-Gelübdes für sie eine Bestätigung gewesen sein:

Fasten – ein Leben in Armut und Anspruchslosigkeit
Almosen geben – konkret Sorge für Waisenkinder, die Armen und Bedürftigen nicht aus dem Blick verlieren
Anbetungsstunden und Sakramentsprozession –Eucharistische Anbetung rund um die Uhr

Matter Maria Theresia faste ihre Ordensgründung in dem Satz zusammen: “Nach dem Vorbild unseres heiligen Vaters Franziskus (von Assisi) bemühen sich die Schwestern, das beschauliche Leben mit dem tätigen zu vereinen in der Ewigen Anbetung und in Werken der Barmherzigkeit.“ Oder, wie wir im Jubiläumsjahr kurz und prägnant sagten: „Anbeten und Anpacken“

Deshalb möchte ich heute mit Ihnen einige Gedanken von Mutter Maria Theresia teilen.

Es gibt so etwas wie ein geistliches Testament, einen spiritueller Nachlass, der nicht nur für uns Schwestern bedenkenswert ist. Es ist kein Schriftstück im eigentlichen Sinn, sondern von der Chronistin Sr. Andrea Bussien aufgezeichnete Worte. Zwei Jahre vor ihrem Sterben war Mutter Maria Theresia so krank, dass sowohl sie als auch ihre Schwestern mit ihrem unmittelbaren Sterben rechneten.

Ich zitiere:

„Gegen Mitternacht verlangte die Kranke, die Schwestern noch einmal zu sehen. Bald waren, soweit das Krankenzimmer sie fasste, die Schwestern um die sterbende Mutter versammelt. So keuchend der Atem ging, mit aller Kraftanstrengung sprach die Kranke mit lauter Stimme zu den Schwestern, wenn auch in öfteren Pausen:

Liebe Schwestern, nicht lange dauert‘s mehr, dann muss ich euch verlassen. – Seid treu, liebe Schwestern, haltet die Regel, und übt den Gehorsam; denn der Ungehorsam führt zum Verderben. – Eines, liebe Schwestern, lege ich Euch besonders ans Herz: Seid einig und übet die schwesterliche Liebe. – Wenn ihr die schwesterliche Liebe übt, wird alles gut gehen. – Von ganzem Herzen habe ich alle Schwestern geliebt. – Vergesst auch meiner nicht, wenn ich in der Ewigkeit bin. – Das Sterben ist nicht leicht, das seht Ihr an mir –  lebt gut, damit Ihr gut sterben könnt. – Bleibt alle treu!

Schwester Paula bat dann unter Tränen im Namen aller Schwestern die Würdige Mutter um Verzeihung, worauf diese antwortete:

Ich habe Euch alles verziehen, – ich habe nichts zu verzeihen -, es waren nur kleine Fehler und Unvollkommenheiten, – wir wollen uns gegenseitig alles verzeihen – vergesst meiner nicht, wenn ich in der Ewigkeit bin.

Nach Erteilung des Segens fügte sie noch hinzu:

Liebe Schwestern, ich habe Euch alle gern gehabt, alle ohne Ausnahme, und diese Liebe wird fortbestehen!

Was war für sie in der vermeintlich letzten Lebensstunde wichtig? Was glaubte sie, der Ordensgemeinschaft, jeder einzelnen Schwester mit auf den weiteren Weg geben zu müssen?

Mutter Maria Theresia spricht nicht an erster Stelle von ihrem Sterben, sondern vom Verlassen der Schwestern.

Vergesst auch meiner nicht, wenn ich in der Ewigkeit bin!

Gebet für sie, in der hl. Messe , während der Anbetung

Sie erinnert auch daran, was sie selbst der Ordensgemeinschaft an Werten und Lebensprinzipien eingestiftet hat. Die Schwestern sollen auch das nicht vergessen. 

Liebe Schwestern, ich habe euch alle gern gehabt, alle ohne Ausnahme, – und diese Liebe wird fortbestehen! Ich habe euch alles verziehen, – ich habe nichts zu verzeihen: Es waren nur kleine Fehler und Unvollkommenheiten, wir wollen uns gegenseitig alles verzeihen.

Es gibt noch einige markante Worte in diesen Sätzen:

Treue (sie wird zweimal genannt!), Einhaltung der Regel (vielleicht auch als Interpretation der Treue zu verstehen), Gehorsam und Ungehorsam, Einigkeit, schwesterliche Liebe (“Wenn ihr, die schwesterliche Liebe übt, wird alles gut gehen.“

Bleibt noch als Letztes der Tod, dessen unmittelbare Gegenwart Mutter Maria Theresia veranlasste, ihre letzten Gedanken – ihr „Testament“ – zu äußern.

Das Sterben ist nicht leicht, das seht ihr an mir! Lebt gut, damit ihr gut sterben könnt!

Angst und Schrecken des Todes gehen auch an den Heiligen nicht spurlos vorüber.

Diese Worte galten uns Schwestern. Was können sie jeder und jedem von uns heute hier an diesem Festtag und in dieser Feier sagen?

In jedem Leben gibt es Treue, Regeln und Vereinbarungen, die eingehalten werden sollten, damit Zusammenleben gelingt. Es gibt auch in jedem Leben eine Art von Gehorsam. Dieser Lebensgehorsam ist aufmerksam auf die Herausforderungen des Lebens, der eigenen Person und für uns Christen auf das Wort Gottes. All das hat nichts mit einem oberflächlichen Zusammenhang von Befehl und Gehorsam zu tun.

Was tun wir eigentlich, wenn wir Selige oder Heilige besonders verehren? Wenn wir wie heute Gelübde und Verehrungsweisen in jedem Jahr neu beleben? Der hl. Paulus spricht uns alle, die wir an Christus glauben, als Heilige an, als Menschen, die sich ihrer Verbundenheit mit Christus durch die Taufe voll bewusst sind.

Zusammen mit den Heiligen sind wir die Gemeinschaft der Glaubenden, die Kirche Christi. Wir sind das nicht nur mit heilig oder selig gesprochenen Frauen und Männern. Wir sind mit allen im Glauben Gestorbenen weiterhin in Gemeinschaft. Wenn wir Heilige verehren geben wir auch ein Zeugnis für das ewige Leben, in dem wir alle unterwegs sind. Echte Heiligenverehrung ist weder Personenkult noch bloßes Schauen auf religiöse Vorbilder.

Was macht Heiligkeit aus? Es sind nicht die spektakulären Ereignisse, es ist die ersichtliche Treue im Alltag. Papst Franziskus hat das in seinem Schreiben „Gaudete et exultate“- „Freut euch und jubelt“ treffend und ermutigend zum Ausdruck gebracht. Ich zitiere nur ein paar   Gedanken: „Jeden Tag den Weg des Evangeliums annehmen, auch wenn er Schwierigkeiten mit sich bringt, das ist Heiligkeit. Heiligkeit als Haltung im Alltag braucht Durchhaltevermögen, Geduld und Sanftmut, Freude und Sinn für Humor, Wagemut und Eifer, eine Gemeinschaft und beständiges Gebet.“

Es muss von uns ja nicht gleich alles auf einmal gelebt oder realisiert werden. Jede und jeder von uns ist zu einer ganz individuellen Heiligkeit erschaffen. Niemand von uns soll so sein wie die hl. Agatha. Niemand von uns soll so sein wie Mutter Maria Theresia, auch nicht wir, ihre Schwestern. Und für die Männer:  niemand muss der hl. Martin werden, oder der hl. Sebastian. Wir werden ermutigt, wir selbst zu werden, ein Teil der „Wolke von Zeugen“, wie es im Hebräerbrief heißt.

Das ist auch ein Grund, warum das Grab von Mutter Maria Theresia nicht in der Stirnseite der Anbetungskapelle zu finden ist, sondern, wie manche Olper bemängeln, „in der Ecke“. Nein, sie ist nicht in der Ecke, sondern beim Gebet neben uns. Unsere gemeinsame Gebetsrichtung ist der Tabernakel, ist Christus. Für Mutter Maria Theresia war die Eucharistische Anbetung der wichtigste Grund für das Ordensleben, aus der heraus sie und wir Schwestern die Kraft und die Wirksamkeit für die Aufgaben schöpfen.

Die hl. Agatha wird weltweit als Heilige verehrt, Mutter Maria Theresia im Bistum Paderborn als Selige. Das ist kein Rangunterschied. Das ist nur eine Regelung der öffentlichen und liturgischen Verehrung.

Ja, und heute feiern wir wieder öffentlich die hl. Agatha, mit all den schönen alten Traditionen. Und im Hintergrund ist da noch die selige Mutter Maria Theresia, deren öffentliche Verehrung ja erst seit etwas mehr als 6 Jahre möglich ist und die sich Jahr für Jahr langsam aufbaut. Alle 5 oder auch 6 Jahre tritt sie hinter der hl. Agatha zurück. Ich denke, dass weder sie noch wir damit ein Problem haben.

Die Gläubigen in Catania konnte voller Vertrauen mit dem Schleier der Heiligen die Lavaflut des Ätna bremsen. Wir hier in Olpe haben Mutter Maria Theresia mitten unter uns. Vielleicht hilft uns diese Tatsache auf die eine oder andere Weise, im Gebet Schaden von uns oder unserer Stadt abzuwenden und unser Vertrauen in die liebende Führung Gottes zu stärken.
Die beiden haben mehr gemeinsam, als wir vermuten. Wenn Mutter Maria Theresia ihr Leben in dem Satz zusammenfasste: „ER(Gott) führt.- Ich gehe.“ Dann könnte die hl. Agatha das sicher bestätigen und sagen: „Si. Lui conduce. Io vado.“

Und wir können heute wieder (in der Sakramentsprozession) diesen Satz lebendig werden lassen.  Wir sind in den Dunkelheiten und Wirren des Lebens nicht allein unterwegs. Wir können uns die Unterstützung der Heiligen erbitten und darauf vertrauen, dass Christus immer mitten unter uns ist. Er führt. Wir gehen. Amen.

Sr. Magdalena Krol OSF