Gedanken zum Tag — 01. Mai 2022 — Dritter Sonntag der Osterzeit

1. Mai 2022 | Gedanken zum Tag

„Endlich wieder!“ habe ich in den vergan­genen Wochen oft über einen der offen­sicht­lich meist­ge­liebten Feier­tage der Repu­blik gehört — begleitet von Erleich­te­rung, Freu­de­strahlen, einer Liste, an wen alles gedacht werden soll und einen Plan B für schlechtes Wetter. So kollektiv haben wir uns seit Beginn der Pandemie nicht mehr auf irgend­etwas gefreut. Zu Recht, wie ich finde!
Endlich rückt die Masken­pflicht um das Virus, das uns das Leben in den nunmehr zwei Jahren so schwer gemacht hat, in den Hinter­grund, einige Wander­wege sind hoffent­lich trotz aller Wald­ar­beiten rund um die Borken­kä­fer­be­kämp­fung noch begehbar und für ein Frie­dens­zei­chen im Nahen Osten haben wir Bürger uns bisher, so gut es in unserer Macht stand, auch einge­setzt. Klingt provokant?
„Schade nur, dass der erste Mai auf das Wochen­ende fällt. Schon wieder nicht einen Tag mehr frei. Und dann muss ich mir am Montag noch Urlaub nehmen!“ Ehrlich gesagt begleite ich diese Anmer­kungen zum Tag der Arbeit eher mit einem Kopfschütteln.
Zum einen, weil sie dem Hinter­grund es Tages nicht gerecht werden. Die Vorge­schichte begann zum Ende des Bürger­kriegs 1865 in den USA, als die ameri­ka­ni­schen Gewerk­schaften erst­mals die Forde­rung nach der Einfüh­rung des Acht-Stunden-Tags erhoben. Bis in die 1860er Jahre galten in den meisten US-Betrieben Arbeits­zeiten von elf bis 13 Stunden, erst dann konnten sie den Zehn-Stunden-Tag als Regel­ar­beits­zeit durch­setzen. Es sollten weitere beinahe zwanzig Jahre vergehen, bis sie 1884 die allge­meine und verbind­liche Durch­set­zung einer täglich acht­stün­digen Arbeits­zeit in Angriff nahmen. Sie beschlossen, am 1. Mai 1886 dafür einen mehr­tä­gigen Gene­ral­streik zu führen. Kaum zu glauben, dass wir heute, im Jahr 2022, erst 157 Jahre auf diese Bewe­gung zurück­bli­cken — nach über 2 Millionen Jahren Menschheitsgeschichte.
Dies­seits des Ozeans fiel der Beschluss des Pariser Kongresses, den Kampf um den Acht-Stunden-Tag als inter­na­tio­nale Aktion zu führen, mitten in die größte Streik­welle hinein, die das Deut­sche Reich bis dahin erlebt hatte. Bis Dezember 1889 hatten 18 Gewerk­schaften ihre Absicht erklärt, am kommenden 1. Mai zu streiken. Diese Erklä­rungen waren nicht unum­stritten. Trotz drohender Sank­tionen betei­ligten sich am 1. Mai 1890 in Deutsch­land etwa 100.000 Arbei­te­rinnen und Arbeiter an Streiks, Demons­tra­tionen und soge­nannten “Maispa­zier­gängen”. Die regio­nalen Schwer­punkte bildeten Berlin und Dresden, aber auch Hamburg, wo es zu einem beson­ders erbit­terten Arbeits­kampf mit zeit­weise 20.000 Betei­ligten kam. Der erste Mai als Feiertag hat nicht zuletzt die Welt­kriege und die poli­ti­schen Verän­de­rungen in Deutsch­land über­lebt, da er mitunter als Para­detag zur Ästhe­ti­sie­rung poli­ti­scher Ziele miss­braucht wurde.
Der “Tag der Arbeit” oder auch “Labor Day” ist heute in vielen Ländern der Welt ein gesetz­li­cher Feiertag mit teil­weise blutiger Geschichte, an dem es um Rechte ging, die wir bis heute genießen dürfen.
Zum Anderen begleitet mich dieses Kopf­schüt­teln aber insbe­son­dere aus eher einer mora­li­schen Haltung. Denn die welt­weite Verbrei­tung dieser so bedeu­tenden Bewe­gungen, die inter­na­tio­nale Wirk­sam­keit und Nach­hal­tig­keit von Bedürf­nissen und Rege­lungen im Sinne einer sozial- und fami­li­en­ver­träg­li­cheren Arbeits­welt und die inter­na­tio­nale Einig­keit darüber, zeigen die huma­nis­ti­sche, Wert-volle Bedeu­tung, die wir uns aktuell bewusster denn je machen sollten: Vor allem „nach“ Corona — weil wir gespürt haben, dass wir einander im Austausch zum Leben brauchen.
Vor allem, weil es Kriege auf der Welt gibt und nichts von dem, was wir besitzen selbst­ver­ständ­lich ist. Vor allem, weil wir wissen, wie sorgsam und bewusst wir mit der Umwelt umgehen sollten, denn sie ist so leicht verletzbar.
Feiern also ja. Unbe­dingt. Ich glaube sogar, dass es das Inter­na­tio­nalste und zugleich Christ­lichste ist, was wir an diesem Tag tun können („Wenn zwei oder drei in meinem Namen versam­melt sind, dann bin ich mitten unter ihnen“). Und wenn dann mal der 2. Mai nicht frei ist, erin­nert uns die Geschichte unseres geliebten Maifei­er­tages viel­leicht daran, eher das fröh­liche, ausge­las­sene Beisam­men­sein zu genießen und den Blick auf das Wesent­liche zu lenken. Darin liegt mein Wunsch: Feiern Sie heute also schön, mit Menschen, die Ihnen am Herzen liegen. Wandern sie herr­liche Stre­cken durch den Wald oder über Felder und sehen Sie, dass die Natur Kraft hat, sich selbst zu helfen. Und halten Sie sich den Frieden, der darin liegt, hoch.

Herz­lichst, Anke Koch
(Gemein­de­mit­glied aus Olpe)

 

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