Gedanken zum Tag — 05. Januar 2022 — Mitt­woch in der Weihnachtszeit

5. Jan 2022 | Gedanken zum Tag

„Seht her, nun mache ich etwas Neues. Schon kommt es zu Vorschein, merkt ihr es nicht?“ — Jesaja 43,19a
Ich bin bei dem Vers an dem Satz­teil… „schon kommt es zum Vorschein, merkt ihr es nicht…“ hängen­ge­blieben. Er verweist für mich darauf wahr­zu­nehmen, offen zu sein, seinen Blick zu weiten, andere Sehge­wohn­heiten einzu­nehmen, um etwas zu bemerken oder zu sehen, was zum Vorschein kommt oder was sich tut.

Dazu fiel mir das Foto von den aufknos­penden, grünen Blät­tern an einem Zweig im Winter bei Schnee und Eis ein, das ich im Januar foto­gra­fiert hatte. Eigent­lich lag mein Fokus bei dem Spazier­gang auf Winter­bil­dern, doch plötz­lich blieb mein Blick am Weges­rand an dem Zweig hängen, an dem uner­war­teten, früh­lings­grünen Hoff­nungs­schimmer neuer Lebens­kraft, mitten im Winter. Neues Leben brach aus der braunen Knos­pen­schale hervor. Erneue­rung als Zyklus. Vom Werden und Vergehen, von Warten zum Erwarten. Dieser Zyklus spie­gelt sich auch im Lauf der Jahres­zeiten wider. Ausge­hend von der aufbre­chenden Knospe in meinem Bild habe ich zur weiteren Ausge­stal­tung des Bildes die Farben der Jahres­zeiten gewählt. Ausge­hend von den zarten Grün­tönen des Früh­lings, die für Hoff­nung, Leben, aufblühen und Neustart stehen, gehen sie über in die Farben des Sommers: Sonnen- und Weizen­gelb, bunte Blüten­pracht und das sommer­liche Himmel­blau. Sie stehen für Wachstum, Entwick­lung, Reifen, Schöp­fungs­kraft, Lebens­lust. Noch inten­siver werden die Farben im Herbst: Zeit der Ernte, der Fülle, des Loslas­sens, des Abschieds, um dann mit den braun-grauen, weiß-blauen Farben des Winters den Kreis wieder zu schließen. Sterben, um zu leben, Ruhe, aus der Neues hervor­bricht. Bevor etwas Neues entsteht, hat ein Prozess statt­ge­funden. So zeigt es auch die Geschichte der Mensch­heit. Neues entsteht häufig nach Zerstö­rung, nachdem etwas nicht mehr funk­tio­niert, aus Sack­gassen, Irrtü­mern etc., die Verän­de­rungen in Gang setzen im Denken, im Handeln.

Zu meinem gewählten Bild­motiv der Knospe fiel mir das Lied „Alle Knospen springen auf…“ ein. Thema­tisch behan­delt das Lied auch das Neue, das aufbricht: Stumme grüßen, Nächte werden hell, Mauern fließen, Lahme gehen, Augen sehen, Menschen teilen, Wunden heilen…“ Etwas, was man nicht für möglich hält geschieht. Im Kleinen und im Großen.
Auch durch die Bibel zieht sich der Vers wie ein roter Faden vom AT bis zur Offen­ba­rung. Immer wieder bricht Neues auf, zeigt sich Gottes Wirken.

Neues bricht auf: Gott wird Mensch.
Neues bricht auf in den Zeichen und Wundern die Jesus tut.
Neues bricht auf am Oster­morgen in der Begeg­nung der Frauen mit dem Auferstandenen.
Neues bricht auf an Pfingsten, als der Heilige Geist auf die Jünger herabkommt.
Neues bricht auf in der Apostelgeschichte.
Neues wird aufbre­chen, wie es die Offen­ba­rung verkündet.

Für mich selbst steckt in diesem Vers die kraft­volle, trös­tende Zusage des liebenden Gottes an meiner Seite. Gottes Wirken geschieht ohne mein zutun. Ich darf es aus Gottes Hand annehmen. Er wirkt – ich darf empfangen. Das Einzige, was ich lernen muss, ist das Sehen, das Bemerken – ich erhoffe viel­leicht das Große und sehe das Kleine nicht. Verän­de­rung beginnt langsam. In der Knospe zeigt sich erst die zart­grüne Spitze; der Stein, der ins Wasser fällt, zieht erst kleine Kreise. Groß ist dahinter jedoch die Kraft, die Neues schafft.

Herr, öffne meine Augen und mein Herz, um schon die kleinen Zeichen deines Wirkens wahrzunehmen.

Kirsten Görts
(Gemein­de­mit­glied Dahl-Friedrichsthal)

 

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