Gedanken zum Tag — 08. Juni 2022 — Mitt­woch der 10. Woche im Jahreskreis

Endlich ist es soweit. Mein Weg beginnt am Kilo­me­ter­stein 114,539 in Sarria. Bei strah­lendem Sonnen­schein geht es los Rich­tung Sant­iago de Compos­tela. Sechs Tages­etappen führen mich quer durch Gali­cien zur Kathe­drale des Heiligen Apos­tels Jacobus.

Alle meine Zweifel lösen sich schnell auf. Ich lerne, mich ganz auf den Weg zu verlassen. Immer den gelben Pfeilen nach, die auf Steinen, an Häuser­wänden oder einfach auf der Straße aufge­malt, die Rich­tung vorgeben. Ich kann mich also ganz meinen Gedanken über­lassen, die Natur rund­herum genießen und komme unbe­sorgt meinem Ziel mit jedem Schritt näher.

Ich bin ohne eine Gruppe unter­wegs, aber nie allein. Immer sind Menschen aller Nationen mit dem glei­chen Ziel um mich herum. „Buen Camino!“, der alte Pilger­gruß ist bei jeder Begeg­nung zu hören. Man wünscht sich so einen „guten Weg!“. Manchmal ist dieser Weg steil bergauf, mühsam und unüber­sicht­lich, dann wieder öffnen sich ganz neue Aussichten und es gibt Gele­gen­heiten sich auszu­ruhen und Kraft zu tanken, gute Gespräche zu führen oder einfach nur zuzu­hören. Dichte, uralte und herr­lich duftende Wälder wech­seln sich mit Stra­ßen­ab­schnitten, kleinen, oft verlas­senen Höfen und Dörfern ab.

So, wie in unserem Leben auch, geht es immer stetig voran, jeder in seinem Tempo, nie zurück. An jeder Wegga­be­lung ist es mir über­lassen, ob ich dem Wegweiser folgen möchte oder eben diesen Weg (für eine Weile) verlasse, um eine andere Rich­tung einzuschlagen.

Manche Menschen begleiten mich nur kurz, andere sehe ich immer mal wieder. Eines ist allen gemein: alle, ob langsam oder schnell, jung oder alt, streben zum selben Ziel. Die Stim­mung auf dem Camino Frances ist gut. Es ist ein leiser Weg, hier kann ich zur Ruhe kommen, den Blick auf mich selbst lenken und entschleunigen.

Ohne Vorwar­nung machen sich tief­sin­nige Gedanken breit, immer wieder erfüllt mich eine große Dank­bar­keit, diesen Weg gehen zu können. Das Wetter ist optimal. Dinge, die im Alltag zu kurz kommen, finden hier ihren Raum: Acht­sam­keit, mal sich selbst und kleine Dinge wahr­nehmen und wert­schätzen, die eigenen Bedürf­nisse erkennen, Gelas­sen­heit üben und Gott vertrauen.

Mein Pilger­pass füllt sich unter­wegs an Versor­gung­stellen und Kirchen mit bunten Stem­peln. So kann ich nicht nur nach­weisen, dass ich die letzten 100 km des Pilger­weges zu Fuß zurück­ge­legt habe, um meine Pilger­ur­kunde (Compos­tela) abholen zu können, sondern hier nehme ich auch mit jedem Eintrag schöne Erin­ne­rungen mit nach Hause.

Nach der Ankunft in der Kathe­drale von Sant­iago de Compos­tela und dem Besuch des Grab­mals in der Krypta bin ich einfach nur über­wäl­tigt von der Atmo­sphäre und Freund­lich­keit der Stadt. Ich fühle mich will­kommen! Der Besuch der Pilger­messe ist genau der passende Abschluss für diese Woche.

Wieder zu Hause ange­kommen, wirkt vieles nach. Es war eine beson­dere Zeit.
Sollten Sie auch schon mal darüber nach­ge­dacht haben, pilgern zu gehen, ich kann es nur empfehlen.
Nicht zögern – einfach machen – es wird schon gut!

Buen Camino! Ihnen allen einen guten Weg
Ihre Sandra Mester
(Gemein­de­mit­glied)

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