Gedanken zum Tag — 11.September 2022 — 24. Sonntag im Jahreskreis

Gedanken zum heutigen Sonntagsevangelium

„Die Wut über den verlo­renen Groschen.“ – so lautet ein Klavier­stück, das Ludwig v. Beet­hoven als junger Mensch geschrieben hat. Es ist rasant, heftig und aggressiv. Wer das Stück hört, der wird so richtig hinein­ge­zogen in die Empfin­dungen des Kompo­nisten. Geschichten von Suchen und Finden kennen wir. Und wir kennen auch das Gefühl, das uns beim Suchen über­kommt: Hundertmal wird alles auf den Kopf gestellt. Noch einmal und noch einmal wird jede Ecke durch­wühlt. Aber wir kennen auch die Erleich­te­rung und Freude, die einen über­kommt, wenn man das Gesuchte wieder in den Händen hat. Und es tut gut, anderen unsere Erleich­te­rung und Freude mitzuteilen.

Genau mit dieser alltäg­li­chen Situa­tion, die wir doch alle so gut kennen, sind wir mitten im Evan­ge­lium dieses Sonn­tags. Denn da erzählt Jesus auch solche Alltags­ge­schichten: von der Frau, die eine kleine Geld­münze sucht und dabei das ganze Haus auf den Kopf stellt; vom Schäfer, der seine ganze Herde im Stich lässt, um ein verlo­renes Schaf zu suchen.

Jesus lädt seine Höre­rinnen und Hörer ein, sich einmal an die Stelle des Hirten oder der Frau zu setzen. Dem Hirten war mit einem Mal dieses eine Schaf so viel Mühe und Aufwand wert, dass er dafür alles stehen und liegen gelassen hat. Die Frau hat für diese eine Drachme so viel Zeit aufge­bracht, dass man über einen Stun­den­lohn gar nicht zu reden braucht. Genau dieses riskante Verhalten des Hirten oder das aufwen­dige, über­trie­bene Verhalten der Frau über­trägt Jesus auf Gott. Gott handelt genauso.

Das ist die Antwort Jesu auf die Kritik aus den Reihen von Schrift­ge­lehrten und Phari­säern und anderen, die sich für gerecht und auser­wählt hielten. Die haben ihm vorge­halten, dass er zu schnell die Grenze über­schreitet, die die Guten von den Bösen trennt. Mit diesen Geschichten macht Jesus seinen Leuten deut­lich, wie Gott denkt. So wie der Hirte durch Gestrüpp, bergauf und bergab hinter einem verlo­renen Schaf herrennt, so will Gott unsere Rettung. So wie die Frau sich abzap­pelt, bis sie ihre Münze wieder­ge­funden hat, so will Gott für jeden von uns Sinn und Glück.

Gott schreibt keinen Menschen ab. Bei ihm heißt es nicht: „Aus den Augen, aus dem Sinn!“ Bei ihm heißt es: „Mensch, wo bist du? Wo kann ich dich finden?“ Und auch bei Gott schäumt die Freude so richtig über, wenn er den Menschen gefunden hat.

Viel­leicht kann uns dieses Evan­ge­lium, das uns Gott so mensch­lich nahe­bringt, bewegen, wenigs­tens in unserer kleinen Welt anders zu leben, dass wir einander immer wieder suchen, dass wir einander eine Chance geben, wenn jemand versagt hat, dass wir nicht pauschal urteilen und verurteilen.

Gott sucht den Menschen – das kann uns Mut machen, einander zu suchen, einander anzu­nehmen, damit Gottes Geist, Gottes Leben in dieser Welt Raum gewinnen kann.

Stefan Wigger
(Pastor im Pastoralverbund)

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