Gedanken zum Tag — 22. Mai 2022 — Sechster Sonntag der Osterzeit

Kleines Glück

Es mir mal wieder so richtig gut gehen lassen! Die Seele baumeln lassen, so hatte ich es mir vorge­nommen für den anste­henden Urlaub auf KOS. Kann ich das eigent­lich noch? Ich kenne nicht wenige, die sich das gerade fragen. Denen es jetzt schwer fällt, das Leben unbe­schwert zu genießen. Zu viel ist da gerade an Sorgen und auch Ängsten. Die kaum zu ertra­genden Kriegs­bilder, die mir jeden Tag ins Haus schwappen. Stei­gende Preise und Versor­gungs­pro­bleme. Die immer drama­ti­scheren Warnungen des Welt­kli­ma­rats. Das alles gleich­zeitig verun­si­chert und viele können das nicht mehr so einfach ausblenden. Froh sein geht sozu­sagen nur noch mit ange­zo­gener Handbremse.

Ich glaube ja, dass die verklärte gute alte Zeit, die in Wahr­heit auch nicht nur gut war, nicht mehr wieder­kommt, dass Unsi­cher­heit und belas­tende Krisen mich nun ständig begleiten werden. Und dass es darum umso wich­tiger wird, die kleinen Momente des Glücks, die es gibt, noch bewusster zu genießen. Nicht mit schlechtem Gewissen und ange­zo­gener Hand­bremse. Nicht mit einem diffusen Schuld­ge­fühl, weil ich jetzt glück­lich sein darf und so viele andere nicht. Aber wie?

In einer sehens­werten Doku sagt eine Frau, die aus der Ukraine stammt, aber seit Jahren im Rhein­hes­si­schen lebt: „Ich glaube, das ist auch eine gewisse Art von Trauma, wenn man das Gefühl hat, dass es einem viel zu gut geht.“ Sie leidet darunter. Davon erzählt die Doku. Und davon, wie sie es schafft, dieses Trauma zu über­winden. Indem sie nämlich anfängt, Hilfe zu orga­ni­sieren für die Menschen in ihrer alten Heimat. Indem Sie etwas tut für andere und gegen die eigene Hilflosigkeit.

Viel­leicht können wir ja nur dann wirk­lich glück­lich sein, wenn wir wissen, dass auch andere diese Chance haben. Dafür kann ich etwas tun. Jeden Tag.

Andrea Kruse
(Kirchen­vor­stand St. Luzia Oberveischede)

 

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